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Ars vivendi - Ars saltandi

Der Tanz ist eine wortlose Kommunikation zwischen den Tanzenden untereinander und den Zuschauern. Das authentische Nachtanzen dieser Tänze ermöglicht das Erspüren der Ausdrucks-, Lebens- und Verhaltensformen der Renaissance.

Der Untertitel unseres Tanzkreises circulus saltans Puelach lautet "Tänze aus der Zeit der Deutschen Renaissance". Bei näherem Studium wird sehr schnell klar, dass es spezifisch deutsche Tänze nicht gab. Das gehobene Bürgertum und die Patrizier, an deren Kleidung wir uns orientieren, hat sich an französischen, italienischen und englischen Tänzen erfreut.

Tanzen war zu dieser Zeit nicht wie heute ein Freizeitvergnügen, an dem man sich nach Lust und Laune beteiligte, oder auch nicht. Gerade in der Renaissance ist der Stellenwert des Tanzes nicht hoch genug einzuschätzen. Ein größeres Ereignis ohne Tanz - unvorstellbar. Ebenso undenkbar war es, eine gesellschaftliche Position zu haben und nicht tanzen zu können. So war es nicht ungewöhnlich, die Tänze mehrere Stunden pro Woche zu üben.

Möglich wurde dies dadurch, dass mit der Renaissance Tänze aufgezeichnet und von speziellen Tanzmeistern gelehrt wurden. Gleichzeitig stieg das Können und das Ansehen der Musiker in gleicher Weise. Alles, was von Tanzgruppen wie dem circulus saltans puelach heute getanzt werden kann, verdanken wir diesen Tanzmeistern.

Als einen der bedeutensten möchte ich hier den französischen Domherren Jehan Tabourot nennen, der im Jahre 1588 unter dem Pseudonym Thoinot Arbeau ein ausführliches Tanzbuch mit dem Titel "Orchésographie" veröffentlichte. Dieses ist sicher das zentrale Werk des französischen Renaissancetanz.

Die wesentlichste Quelle des englischen Tanzes ist die Sammlung von John Playford, die er ab dem Jahre 1651 (und dananch in 18 weiteren Auflagen bis 1728) unter dem Titel "The English Dancing Master: OR, Plaine and easie Rules for Dancing of Country Dances, with the Tune to each Dance" veröffentlichte. John Playford war kein Tanzmeister, sondern Musiker, Komponist und Verleger.

In einer besonderen Art und Weise haben sich damals die Italiener mit dem Tanz auseinandergesetzt.
Für die Zeit des Quattrocento sei hier Domenico da Piacenza genannt. Von ihm ist etwa aus dem Jahre 1445 ein Traktat erhalten mit dem Titel "De arte saltandi et choreas ducendi / De la arte di ballare et danzare". Es ist dies die früheste Tanzabhandlung der abenländischen Geschichte.
Seine Schüler waren Antonio Cornazano (1455, "Libro dell'arte del danzare") und Guglielmo Ebreo da Pesaro (1463, "De practica seu arte tripudii vulgare opusculum").
Für die Zeit der späten Renaissance sind hier Fabritio Caroso (1581, "Il ballarino"; 1600, "Nobilità di dame") und Cesare Negri (1602, "Le gratie d'amore") zu nennen.

Auch wenn das "Lob des Tanzes" aus dem Jahr 1928 von Georg Götsch (1895 bis 1956), Musikpädagoge und wichtige Persönlichkeit der deutschen Jugendbewegung und der Jugendmusikbewegung, in unseren Ohren etwas schwulstig anmutet, so sei er hier doch auszugsweise wiedergegeben:
"Ich lobe den Tanz; denn er bindet Leib, Geist und Seele zur Einheit Mensch, bindet die vereinzelten Menschen neu zur Gemeinschaft, bindet die Gemeinschaft neu an Raum und Zeit." Der Tanz ist zu schützen "vor Versportlichung, vor Verschulung, vor Ver-Theaterung. Man kann ihn nicht durch Zuschauen erleben." "Tanz ist Verwandlung des Raumes, der Zeit, des Menschen und der Masse in geformte Gemeinschaft."
© circulus saltans puelach • Johannes Schuster • Letzte Änderung: 04. Januar 2013