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Zur Geschichte der Dreifaltigkeitskapelle in Großhesselohe

Um die geschichtlichen Voraussetzungen für die Errichtung dieser Kapelle ganz in den Blick zu bekommen, ist es notwendig, fast acht Jahrhunderte bis an den Beginn des 13. Jahrhunderts zurückzuschauen.
Otto Dux Bavarie Hospitale in Monaco fundavit et Ezzol Silvam pro dote donavit (im Archio des Angerklosters).
Otto Herzog in Bayern gründete in München ein Hospiz und vermachte als Mitgift den Wald bei Hesselohe.
Dies ist der erste geschichtliche Nachweis für die Gründung des Hl. Geistspitals, die bedeutenste Stiftung des Mittelalters in München, die heute noch im Heiliggeistspital am Dom-Pedro-Platz fortbesteht.
Zunächst entstand unter dem 2. Wittelsbacher Herzog Ludwig I. dem Kehlheimer außerhalb der Stadtmauer vor dem Talburgtor (nahe am fließenden Wasser, wie es sich für solche Herbergen gehörte) 1208 ein Pilgerhaus mit einer Kathrinenkapelle für die damals schon zahlreichen Wallfahrer ins Heilige Land.
Unter seinem Sohn, dem schon genannten Otto II. dem Erlauchten fanden größere bauliche Erweiterungen statt, so dass schon 1250 Papst Innozenz IV. für die Heilig-Geist-Kirche, das Spital und seinen Besitz, zu dem ein großer Spitalhof in Untersendling, der Forst Kasten und Hesselohe gehörte einen Schutzbrief ausstellen konnte.
Fast der ganze heutige Viktualienmarkt war einst Spitalgrund. Im Zuge des Tals stand wie heute die Kirche, unmittelbar an die Kirche angelehnt das Pfründerinnenhaus, der "hohe Weiberbau" wie man es nannte (es wurden auch Pfründerinnen aufgenommen, die sich einkaufen konnten), eine Kind- oder Findelstube, eine Gebärstube, eine Narrenkeuche für Geisteskranke, viel Wirtschaftsgebäude, ein Bad und was unsere besondere Beachtung verdient, eine Brauerei.
Die Schwaige in Hesselohe erhielt nämlich schon sehr bald eine Bierausschankgerechtigkeit für das im Spital gebraute Bier und das mag wieder Ursache gewesen sein, daß Hesselohe schon sehr frühe ein beliebter Ausflugsort der Münchner wurde.
Die Sorge um die Armen, Kranken und Elenden war im Mittelalter noch kein humanitärer oder sozialer, sie war ein religiöser Auftrag, der im Glauben an die Selbstheiligung durch das religiöse Werk und in der Angst um das Heil der Seele gründete. Nur so läßt sich der große Aufbruch der Wohltätigkeit bis in die neuere Zeit herein erklären. Die Sorge um das Seelenheil spricht aus allen Daseinsbezügen. Allenthalben ließ man den Spitälern für Arme, Alte und Kranke reiche Mittel zukommen. Das Münchner Heiliggeistspital verdankt seinen Wohltätern Besitzungen im Ausmaß von Forst Kasten, an dem die Stadt München heute noch mit 2500 Tagwerk beteiligt ist, und die Schwaige in Hesselohe.
Die Spende eines Münchner Bürgers ermöglichte dann auch 1301 (Jakobstag) in Hesselohe den Kauf eines Grundstückes, das vordem im Besitz von Kloster Schäftlarn gewesen war und durch Tausch an Konrad von Bayerbrunn, den Truchsessen der Herzöge von Bayern gekommen war. Wir erinnern uns, daß 776 Herzog Tassilo sein Landgut in Hesselohe (bebaut und unbebaut, Wiesen und Wälder und Gewässer) an die Kirche des Hl. Dionysius, die an der Isar liegt (d.i. Schäftlarn) geschenkt hat. Ob der neuerworbene Grund wohl ein Teil des ehemaligen Herzoggutes war?
(Hesseloher Schwaige mit 364 Tagwerk Waldungen = 12.401 a = 124,01 ha = 1,24 qkm. Zum Vergleich: Nymphenburger Schloßpark = 221 ha)
Die Heilig-Geist-Schwaige in Hesselohe war eine der Meiereien, die für den Unterhalt der Armen des Spitals zu sorgen hatte, vornehmlich durch Lieferung von Milch, Butter, Käse und dergleichen. Sie wurde anfangs von einem Schwaiger, einer Schwaigerin, einem Kühfütterer und einer Kellerdirn bewirtschaftet, wozu im Sommer noch 2 Dirnen kamen. Schwaiger bedeutet das gleiche wie Senn, so können wir sie uns vorstellen als eine Alm mit Sennhütte, einer Behausung für das Vieh und Weideplätzen. Die Tiere brachten noch einen großen Teil des Jahres im Frien zu, ja man trieb das Vieh sogar in den Wald, im Herbst besonders die Schweine, die sich mit Eicheln und Bucheckern selbst mästeten. Der Wald war ja bis 1700 noch reiner Laubwald, Eichen, Erlen, Buchen, Birken, Haselstauden bildeten den Bestand (Hesselohe ist Haselwald). Der Forstenrieder Park oder wie er damals hieß, der Paibrunner Forst, reichte bis an die Isar, noch 1804 ist die Rede von einem Forstdistrikt Hesseloher Leiten, sehr viel Land wird noch nicht gerodet gewesen sein.
Die Zahl der Bediensteten wird mit der Zeit zugenommen haben und so sah sich das Spital veranlaßt 1615 (aus diesem Jahr ist der erste Ewiggeldbrief datiert), also kurz vor Beginn des 30jährigen Krieges für die Bediensteten der Schwaige eine Kapelle zu errichten. Ein Ewiggeldbrief ist eine mit dem Haus verbundene dingliche Verpflichtung aus einer unkündbaren Stiftung.
Es hauste hier ein Einsiedel Michael Jonas und ein Klausner Bruder Johan der die Mesnerdienste verrichtete.
Aus einer Klageschrift des damaligen Benefiziaten in Pullach gegen den Pfarrer von Sendling erfahren wir, daß einmal 22 Gemeinden mit dem Kreuz aus Wolfratshauser Gebiet nach Hesselohe zu St. Benno Kirchfahrten gegangen seine. Da der Hl. Benno, dessen Gebeine 1576 nach München überführt und 1580 im Dom beigesetzt worden waren, 1604 zum Münchner Stadt- und bayerischen Landespatron erhoben wurde, ist es durhaus wahrscheinlich, daß das erste Patrozinium in Hesselohe nicht die Dreifaltigkeit, sondern der Hl. Benno war. Patrozinien sind ja im Mittelalter vielfach vertauscht worden. Hl. Geist in Pullach z.B. war früher eine Stephanskirche.
Am 17. Mai 1632 nach der Niederlage Tillys in Rain am Lech zog Gustav Adolf in München ein. Während die Stadt verschont blieb, 3 Plünderer sogar aufgehängt wurden, verwüsteten seine Kriegsvölker das ganze Umland. In Pullach wurden fast alle Höfe ein Raub der Flammen, nur die Kirche blieb verschont, ebenso die in Solln. Aber auch nach Friedensschluß 1648 hörten Angst und Schrecken keinewegs auf. Die in Auflösung befindlichen Kriegsvölker ergoßen sich in hellen Scharen über das ganze Land und plünderten und mordeten, wo sie konnten. So kam auch der Klausner von Altomünster nach Hesselohe und suchte Schutz beim dortigen Klausner.
Ob nun die St. Bennokapelle schon beim Einfall der Schweden zerstört worden ist oder ob sie auf andere Weise zugrunde ging, läßt sich nicht mehr feststelle. Jedenfalls 1698 wurde sie aus Mitteln der Spitalhochherrn Barth, Ligsalz, Bittrich und Ridler neu erbaut.
Die vier Herren stammten aus Altmünchner Patriziergeschlechtern. Ihre Vorfahren saßen schon im Rat der Stadt oder waren Bürgermeister, sie selbst waren als Wein-, Tuch- oder Salzhändler zu großem Reichtum gekommen. Die Ligsalz hatten sogar eine dominierende Stellung im Welthandel, waren Geldgeber der Herzöge und sogar die Fugger standen in ihrer Schuld. Wir würden heute sagen, sie waren Multimillionäre. Ihre Familienwappen haben wir Rückwärts in der Kapelle über der Empore gesehen.
Mit einem Baueifer, für den es in der Geschichte kaum ein Beispiel gibt, wurden allenthalben in Stadt und Land neue Kirchen gebaut. Alle Brunnern religiösen Lebens begannen nach dem langen Rückstau in der Zeit des 30jährigen Krieges und der Türkengefahr, neu zu springen. In München wurde 1688 die erste Kirche im neuen Stil des Barock, die Theatinerkirche, vollendet, in unserer nächsten Umgebung wurden schon bestehende Kirchen barockisiert, so 1672 Forstenried, 1692 bis 1696 Maria Himmelfahrt in Thalkirchen. Die berühmten Bauten der großen Barockbaumeister Antonio Viscardi (Bürgersaal und Dreifaltigkeitskirche), Johann Michael Fischer (St. Anna am Lehel), Johann Baptist Zimmermann (St. Michael in Berg am Laim), Gebrüder Asam (Johann-Nepomuk-Kirche) waren noch nicht begonnen, die Schlösser in Nyphenburg und Schleißheim im Bau.
In diese Zeit fällt der Neubau unserer Kapelle und es wird verständlich, daß sie im Stil jener Zeit, eben der barocken Form errichtet wurde. Ihre Rokokoausstattung, den zarten Stuck, den wir gesehen haben, erhielt sie erst 1755, ein halbes Jahrhundert später, der Altar, der schon klassizistische Formen aufweist, und der inzwischen auch schon verändert worden ist, gehört wohl in eine noch spätere Zeit.
1717 wird das Lustschloß in Fürstenried gebaut und von Hesselohe eine Wasserleitung herübergeführt. Sie kennen ja alle den Wasserturm. Bei dieser Gelegenheit hören wir wieder etwas über unsere Schwaige. Das Spital beklagt sich nämlich, daß beim Bau der Leitung die Viehweiden verwüstet wurden und dort, wo bisher 60 Stück Millivieh geweidet nurmehr 30 geweidet werden können. Ein nicht geringer Schaden an Butter, Milli und Schmalz fiele dadurch den Armen des Spitals zu.
1779 muß das Spital sehr mit Geldschwierigkeiten zu kämpfen gehabt haben, denn es ersucht jetzt den Kurfürsten (Karl Theodor), der im Mai mit seiner Gemahlin Hesselohe zum Mittagsmahl mit seiner Anwesenheit beehrt hat, um Bewilligung eines Jahrmarkts. Dieser wird dann auch zunächst allerdings nur als "Viehmarkt" genehmigt. Aus ihm ist die Großhesseloher Kirchweih, die obwohl das Patrozinium die Hl. Dreifaltigkeit war, am Pfingstmontag gefeiert wurde, hervorgegangen.
Auch damals gab es schon wirtschaftliche Schwierigkeiten. Am 30. April 1803 ist es so weit: Angeblich wegen Unrentabilität wird die Schwaige zur Ausschreibung gebracht. Es melden sich ganze zwei Interessenten und den Zuschlag erhält ein Hopfenhändler, der schon bisher den Ausschank betrieben hatte. Das Spital schrieb ihm genau vor, was er für Speis und Trank verlangen durfte, er zeigte sich den gestellten Anforderungen nicht gewachsen und so kam Hesselohe am 21. Oktober 1808 auf die Gant.
Die Schwaige wurde in öffentlicher Versteigerung zum Verkauf angeboten. Den Zuschlag erhielt der meistbietende Käufer, der Cafetier Franz de Paula Schröfl.
Die Kapelle blieb zwar bis 1812 im Besitz des Spitals, aber weil dem Spital die Reparaturkosten zu hoch waren und weil sie auf seinem Grund stand, brachte sie schröfl um 200 Gulden mit allem Zubehör, mit Gerätschaften, Meßgewändern usw. auf Abbruch in seinen Besitz. Ursprünglich war soe von ihm zur Getreide- und Rumpelkammer bestimmt. Für die damalige Zeit (nach der Säkularisation) war das kein Ausnahmefall. Wir haben genug Beispiele: erinnert sei nur an Warnberg, dessen Kapelle in einen Kartoffelkeller verwandelt wurde.
Umso erstaunlicher ist es, daß Herr Schröfl vom Landgericht (damals war wohl noch Wolfratshausen zuständig) verpflichtet wurde, die Kapelle zu gottesdienstlichen Zwecken fortbestehen zu lassen und die notwendigen Reparaturen zu übernehmen.
Als ihm der Besitz lästig wurde (er hatte ja noch ein Cafe in München) und er nicht gleich einen Käufer fand, ließ er ihn 1815 in einer Lotterie ausspielen. Gewinner waren zusammen ein Bierwirt und ein Handelsmann, aber schon nach 3 Jahren 1818 wurde er von dem französischen Generalleutnant Drouet Graf d'Erlon erworben. Er hatte als Anhänger Napoleons aus Frankreich fliehen müssen und wohnte nun mit seiner Familie als Baron Schmidt in Großhesselohe. Inzwischen war in München der Kleinhesseloher See im Englischen Garten entstanden und Hesselohe rückte deshalb zum Großhesselohe auf.
Es heißt, daß sich Graf d'Erlon um Großhesselohe sehr verdient gemacht habe, da er dort die Brauerei, das Kellergebäude und später das neue Gasthaus errichten ließ. Ganz bin ich nicht der Meinung. Die Kapelle war auf dem höchstgelegenen Punkt der schwaige errichtet. Denken Sie sich einmal das Wirtshaus weg, einen schönen Wiesengrund und einen Pfad, der sich hinaufschlängelt, muß das nicht ein schöner Anblick gewesen sein. Unwillkürlich denkt man an Uhlands Verse "Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Tal hinab." Und nun baut man das Wirtshaus mit einem viel zu kleinen Abstand direkt neben die Kapelle, sogar die Toiletten sind an dieser Seite. Der Zeitgeist hat sich eben gewandelt. An die Stelle religiösen Denkens ist materielles Denken getreten. Die Kapelle hat offensichtlich um diese Zeit nichts mehr gegolten. Wir erfahren denn auch, daß das geschlossene Kirchlein erst 1830 wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben wurde.
Dessen ungeachtet hat sich in dieser Zeit um den Besitz der Kapelle ein heftiger Streit entsponnen, ich glaube mehr um deren ansehnliches Vermögen. Die Streitenden waren die Gemeinde bzw. der Benefiziat in Pullach der Pfarrer in sendling und der Magistrat in München.
In gottesdienstlichen Angelegenheiten unterstand die Kapelle tatsächlich dem Pfarramt Sendling. Dies war nämlich die Urpfarrei Thalkirchen-Sendling, zu der das ganze linke Isarufer von Pullach bis Nymphenburg und Schwabing gehörte. Erst 1875 sind Pullach und Solln als selbständiger Pfarrsprengel aus diesem Verband entlassen worden. Der Pfarrer von Sendling vertrat deshalb die Meinung, Hesselohe sei keine Klausenkapelle, sondern eine Filialkirche. Das Landgericht stellte sich auf den Standpunkt, die Kapelle sei schon unter Herzog Tassilo gebaut und Kloster Schäftlarn einverleibt worden, habe also mit der Schwaige und dem Spital nichts zu tun.
Der Streit wurde so entschieden: Zunächst wurde Pullach die Verwaltung des Kirchenvermögens übertragen, von 1833 an jedoch dem Magistrat in München allerdings mit der Auflage, der Kirche in Pullach jährlich 300 Gulden Rentenzuschuß zu zahlen. Ich erwähne das deshalb so ausführlich, weil die Stadt München diesen Betrag heute noch bezahlt und wir ihn alljährlich in der Kirchenrechnung als Einnahme verbuchen können.
1835 hat dann der bayerische Staatsminister Graf Montgelas den ganzen Besitz erworben. Es war der Mann, der den neuen bayerischen Staat geschaffen hat, freilich frage man nicht wie - ma denke nur an die Säkularisation. Er hat in Großhesselohe das Wohnhaus, das wir heute Schloß nennen und das wohl immer der Mittelpunkt der Schwaige war, ausgebaut.
Sein Nachfolger war der Gutsbesitzer Karl Freiherr von Beck, von 1875 an Georg Kalb und seine Gemalin Marie. Nach ihr nenannt ist die Marienstraße.
Das Hl. Geist-Sptal hatte auch in Solln einen Spitalhof. Von dort aus ging von dem sonst sehr von der Außenwelt abgeschlossenen Solln eine Gasse nach der Hl. Geist-Schwaife in Hesselohe. Anfangs war es wohl nur ein Trampelweg, dann hat man eine Schneise in den Wald geschlagen, mit der Zeit wurde daraus eine Chausse mit Alleebäumen und Straßengräben. Letztere sind uns heute novh als riesige Wasserpfützen in Erinnerung. In den letzten Jahren ging man daran, eine moderne Straße zu bauen. Wir kennen sie alle: Die Sollner-BerteleStraße.
"Heiligdreifaltigkeitskapelle in Großhesselohe" - Otto Gies, 28. September 1971

Dieses Dokument stammt von Herrn Otto Gies, einem verdienten Mitbürger unserer Gemeinde. Er hat 1971, auch unter Verwendung "Der Ortsgeschichte der Gemeinde Pullach im Isartal" von Aenne Atzenbeck (1956), alles erdenkliche über die Kapelle Hl. Dreifaltigkeit in Großhesselohe zusammengetragen. Großhesselohe ist ein Teil von Pullach und die Kapelle steht auf dem Gelände der heutigen Waldwirtschaft. Diese war zu Beginn im Besitz des Heiliggeistspitals von München und trug zu dessen Unterhalt bei. Das Dokument legt u.a. sehr interessante Querverbindungen zwischen den Münchner Patrizierfamilen und dem Ort Pullach offen.
© circulus saltans puelach • Johannes Schuster • Letzte Änderung: 04. Januar 2013